3. Juni 2015


Hochwasser

Rückblick auf das Hochwasser 2013

Die Pegel steigen rapide. Immer mehr Wohnungen und Häuser sind inzwischen „Land unter“. Das Wasser erreicht hier nicht nur das Erdgeschoß, sondern den ersten Stock. Nachts müssen etliche Bewohner schließlich ihr Zuhause verlassen – die Evakuierung beginnt. Im Rathaus formiert sich unter OB Jürgen Dupper ein Krisenstab.

Doch nicht nur in der Dreiflüssestadt zeichnet sich eine Katastrophe enormen Ausmaßes ab. Erlau bei Obernzell, Neuhaus am Inn, Schärding – Im gesamten Landkreis mit seinen Nachbarregionen überschlagen sich die Ereignisse.

 

Tag 1 – 03.06. Katastrophenphase (Pegelhöchststände)

Der Donaupegel steigt und steigt. Der Anger ist unter Wasser, die Schanzlbrücke könnte aus Sicherheitsgründen sogar gesperrt werden. Nicht weniger stark steigt der Innpegel. Innstraße – Überflutet. Marienbrücke – Gesperrt. Innstadt – Land unter. Rund 500 Helfer von Feuerwehren, Wasserwacht, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Polizei und Bundeswehr sind ununterbrochen im Einsatz, kämpfen gegen die enormen Wassermassen an. Gegen Abend nimmt der Krisenstab Stellung zum Ausmaß: Ein historisches Hochwasser mit katastrophalen Auswirkungen. Gegen 18.00 Uhr misst der Donaupegel 12,20 Meter.

 

Nicht weniger katastrophal entwickelt sich die Lage in den Gemeinden des Passauer Umlands. In Erlau bei Obernzell, Neuhaus am Inn und Schärding stehen viele Häuser bereits bis unters Dach in den Fluten. Erlau ist komplett von der Außenwelt abgeschnitten – die Bewohner werden evakuiert.

Tag 2 – 04.06. Angie-Besuch

Die Donauwelle erreicht ihren Höchststand mit 12,40 Meter. Genau an diesem Tag hat sich hoher Besuch angekündigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich persönlich ein Bild von der Katastrophenlage in der sonst so schönen Dreiflüssestadt. Zusammen mit dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer sichert sie schnelle, unbürokratische Hilfe zu.

Beim „bayerischen Krisengespräch“ mit dabei: Die Bürgermeister der am stärksten betroffenen Gemeinden von Erlau/ Obernzell und Neuhaus am Inn. Wie auch in der Dreiflüssestadt beginnen hier bereits die Aufräumarbeiten. Erster Schritt: Schlammbeseitigung.

 

Tag 3 – 05.06. Aufräumarbeiten starten intensiv

Der Innpegel sinkt stetig, der Donaupegel liegt inzwischen relativ konstant bei rund 10 Metern. Da die große Flut langsam weicht, hat in Passau das große Aufräumen begonnen – bei Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen, was gar nicht zur Situation passt. Stadt Passau, Universität und City Marketing haben gemeinsam eine Helfer-Zentrale auf die Beine gestellt. Sie organisiert die vielen freiwilligen Helfer – größtenteils Studenten.

 

Möglichst schnell muss jetzt der Schlamm weg. Er wird sonst trocken und hart wie Beton. Inzwischen wagt OB Dupper eine erste Schadenseinschätzung. Es dürften mehr als 20 Millionen Euro sein.

 

Um ein Vielfaches höher wird Landrat Franz Meyer die Schadenssumme im gesamten Landkreis beziffern müssen. Eine erste Schätzung wagt er noch nicht.

 

Tag 4 – 06.06. Erste Schadensbilanz

Der Donaupegel misst immer noch konstant rund 10 Meter. Der Stadt liegen inzwischen erste Schadensmeldungen vor. OB Dupper wagt eine Hochrechnung. Rund 5.000 Personen sind direkt betroffen, 800 Gebäude beschädigt. Daraus resultiert ein geschätzter Gesamtschaden von rund 100 Millionen Euro, allein für das Stadtgebiet Passau.

Tag 5 – 07.06. Schadenskorrektur

Schnell korrigiert die Stadt Passau ihre Schätzung zur Schadenssumme. 100 Millionen Euro reichen bei Weitem nicht. Eine konkrete Zahl gibt es aber erst dann, wenn die Schadenserfassung abgeschlossen ist. Und das wird einige Wochen dauern.

Woche Zwei 10.06. bis 16.06. – 1:00

Inzwischen gibt es in der Dreiflüssestadt kaum mehr eine Straße, die das Wasser nicht freigegeben hat. Der Donaupegel misst am 10. Juni genau 7,31 Meter. Die Aufräumarbeiten laufen intensiv. Passau soll so schnell wie möglich wieder auf die „Hoch-Touristenzeit“ aufpoliert werden. Die Schadenssumme klettert aber weiter. Die Prognose in Woche Zwei liegt bei 200 Millionen Euro Gesamtschaden. Die Soforthilfe von 1.500 Euro je Haushalt ist inzwischen größtenteils geflossen. Dass das aber nur ein Bruchteil der benötigten Summe zur Schadensbehebung ist, haben viele Institutionen erkannt. Stiftungen, Körperschaften, Wohlfahrtsverbände, Unternehmen – Sie alle rufen Spendenaktionen ins Leben.

 

Folgewochen 17.06. bis 14.07. – 2:00

Zwei Wochen nach Pegelhöchststand scheint wieder Normalität eingekehrt zu sein – auf den ersten Blick. Erste Reisegruppen ziehen wieder durch die Stadt. Auf einen zweiten Blick muss man seinen Eindruck korrigieren. Es gibt noch mehr als genug zu tun. Viele Geschäfte und Gaststätten stecken mitten in Sanierungsarbeiten. Einige haben noch gar nicht damit begonnen. Sie sind unsicher, ob ein Weitermachen lohnt. Existenzen stehen vor dem Nichts. Scharfrichterhaus, Ratskeller, Bernhards Corner, Reinigung Märtl – sind hierfür nur ein paar Beispiele.

Im Stadtgebiet sowie im Landkreis sind je 150 Betriebe betroffen. In den meisten Fällen reichen Tage, sogar Wochen nicht aus, den Schaden zu beheben. Einige Unternehmen greifen zum Mittel Insolvenz, einige wählen die Kurzarbeit. Ein Großteil der Betriebe im gesamten Landkreis aber macht weiter.

Soviel Alltag ist inzwischen wieder eingekehrt, dass zwei Wochen nach Pegelhöchststand nach Schuldigen gesucht wird. Die Stadt Passau gibt dem Wasser- und Schifffahrtsamt die Schuld an mangelhaften Pegelprognosen – dieses aber sagt klar: „Passau wollte keine 48-Stunden-Prognose“. Die sonst so viel gelobte Solidarität scheint hier vergessen.

Nachwehen ab Juli

Vier Wochen nach Pegelhöchststand ist vielerorts wieder Ruhe eingekehrt. Wohnungen renoviert, Cafes und Gaststätten geöffnet, Firmen im Geschäft, Passau-Touristen vor Ort. Doch noch immer gibt es Betriebe, die sich die Frage stellen: Gibt es eine Zukunft? So beispielsweise das Scharfrichterhaus unter Eigentümer Matthias Ziegler. Wie so viele braucht er jetzt zum Wiederaufbau vor allem Geld.

 

Beispiel Zwei: Babsie Dorsch, Kulturschaffende in Passau. Sie gibt wieder Unterricht, steht sogar schon am Filmset.

 

Beispiel Drei: Ratskeller. Mit einem Catering am Rathausplatz wird die Sommersaison überbrückt. Der Normalbetrieb soll aber so schnell wie möglich wieder laufen. Anfang Oktober erhält die TRP1-Redaktion dann eine Einladung zur Verleihung des Scharfrichterbeils 2013. Dieses Mal zwar im Großen Rathaussaal, aber immerhin. Eine Zukunft scheint DIE Kulturstätte Passaus also zu haben.

 

Im Gespräch mit vielen Passauern, sowohl Privatpersonen als auch Gewerbetreibenden, wird eines klar: Die Hochwasserkatastrophe hat den Zusammenhalt der Menschen untereinander gestärkt. Passauer Bürger, Alteingesessene, sind dem bislang etwas distanzierten Studentenvolk näher gekommen. Schier uneingeschränkte Hilfsbereitschaft und Solidarität haben Passau binnen kürzester Zeit wieder zu dem gemacht, was es vor der Katastrophe war.


 

Und das bestätigt auch das Rathaus. Oberbürgermeister Jürgen Dupper zieht ein halbes Jahr nach der Flut Bilanz und präsentiert konkrete Zahlen. In diesem Zeitraum wurden insgesamt 38,6 Millionen Euro an Finanzhilfen bewilligt. 3,1 Millionen Euro gingen an Spendengeldern ein. Städtische Einrichtungen und ihre Stiftungen verzeichnen einen Gesamtschaden von rund 14,3 Millionen Euro.

Schlendert man zum Jahreswechsel durch Passau, kommt, wenn auch nicht auf den ersten Blick, noch so einiges zum Vorschein. Stark beschädigte Gebäude, geschlossene Gastronomiebetriebe, Wohnbauten, die mitten in der Renovierung stecken, ein Scharfrichterhaus, das eingeschränkt bespielt wird. Der Flashmove-Weißstrich zieht sich trotz zahlreicher Regen- und Schneefälle noch immer durch die Stadt. Das Solidaritätsschiff dagegen wurde dagegen trotz zahlreicher Proteste Ende November von der Ortsspitze entfernt.

Eine Flut verhindern wird man auch in Zukunft nicht können. Möglich ist aber, das Ausmaß einer derartigen Katastrophe zu minimieren. Genau deshalb hat die Stadt Passau ein Hochwasser-Schutzpaket beschlossen. Es beinhaltet beispielsweise regelmäßige Hochwasserhearings, die Förderung des Dezentralen Hochwasserschutzes sowie Präventionsmaßnahmen.



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